| |
Wildniscamp
(Exkursion am Donnerstag, den 20. November 2003 in den Nationalpark
Bayerischer Wald, Wildniscamp Zwieselerhaus)
Ansgar Drücker, Naturfreundejugend Deutschlands |
 |
Um den LeserInnen auch einen Eindruck vom Ablauf der Exkursion in den Bayerischen Wald
zu vermitteln, wird die Besichtigung und Diskussion im Wildniscamp im Folgenden weitgehend
chronologisch und daher bewusst unsortiert wiedergegeben.
Zunächst wird der zum Wildniscamp gehörende
Zeltplatz besichtigt, der im Gegensatz
zum Wildniscamp selbst bisher noch nicht
vollständig ausgebucht ist. Die Anlagen
wurden in Abstimmung mit dem Kreisjugendring
Regen erstellt und umfassen sanitäre
Anlagen sowie Küchen mit Gasherd und
Töpfen in festen Gebäuden; die restliche
Ausstattung, auch Geschirr und Besteck,
muss von den Nutzern mitgebracht werden.
Bereits an dieser Stelle geht Lukas Laux auf
die Frage ein, warum das Wildniscamp genau an dieser Stelle errichtet wurde. Auf Grund der
Nationalparkkonzeption sollte das Wildniscamp auf keinen Fall im Kerngebiet des Nationalparks
errichtet werden, es sollte – auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln – gut erreichbar sein
und doch abseits genug für ein „Wildnis-Feeling” liegen. Außerdem sollte eine Ortschaft mit
Einkaufsmöglichkeiten in angemessener Entfernung liegen. Das Wildniscamp ist über eine
Buslinie (Bushaltestelle in 200 m Entfernung) sowie über den neuen Haltepunkt Lindberg an
der Eisenbahnstrecke Plattling-Zwiesel-Bayerisch Eisenstein in 20 bis 30 Minuten fußläufig
erreichbar.
Das Haus der Wildnis wurde außerdem so
angesiedelt, dass sich – zumindest wenn der
Nebel dies nicht verhindert – ein grandioser
Blick über den Nationalpark in Richtung Falkenstein
und Rachel bietet, der nicht nur Lust
auf Natur und Wildnis, sondern auch Lust auf
Wandern machen soll. Außerdem waren an
der gewählten Stelle größere bestehende Freiflächen
vorhanden, wo der Wald bereits gerodet
war. So ist das Wildniscamp zwar von
einer relativ monotonen Fichtenpflanzung
umstanden und kein Naturwald im engeren Sinne; es handelt sich jedoch um ein Gebiet, das
sich wieder zu einem “wilden Wald” entwickeln soll. Als Brennstoff für das Wildniscamp
wird Holz verwendet, u.a. Abfallreste aus einem Sägewerk. Auch über die Mithilfe bei Arbeitseinsätzen
bei der Anlegung von Wanderwegen fallen immer wieder Holzreste ab, die
dann im Wildniscamp genutzt werden können. Dies ist erforderlich, da angesichts der hohen
Besucherzahlen der umliegende Wald schnell Schaden nehmen würde, wenn die Jugendlichen
jeweils im Wald das Brennholz zusammen suchen müssten.
Als erstes wird das Wiesenauge besichtigt.
Hier schläft die Gruppe auf dem Niveau
der Wiese im Heu, das von Kindern
und Jugendlichen gemacht wird. Das Gepäck
kann in einer Holzkiste verstaut werden,
die gleichzeitig als Hocker an einem
Tisch dienen kann.
Das Wildniscamp richtet sich unter der
Woche hauptsächlich an Schulklassen, die
von Montag bis Freitag anreisen. Am
Montag stehen das Ankommen und die
häufig langwierige Verteilung der unterschiedlichen
Schlafmöglichkeiten auf die Klasse im Mittelpunkt des Gruppenprozesses. Pro
Hütte steht ein Betreuer zur Verfügung, der insbesondere die beiden Projekttage am Dienstag
und Donnerstag koordiniert. Die Betreuer und Lehrer übernachten selber nicht in den Hütten
sondern im Gästehaus in Zwiesel bzw. im Zentralhaus des Wildniscamps. Vom Zentralhaus
sind alle Hütten einsehbar.
Insgesamt arbeitet das Wildniscamp mit wenigen Vorgaben, stellt eher Fragen und geht situativ
mit den Chancen und Herausforderungen der für die SchülerInnen meist neuen und ungewohnten
Situation um. Dies führt dazu, dass häufig biographische Erlebnisse hochkommen,
die teilweise von den BetreuerInnen aufgefangen werden müssen. Im Vorfeld des Besuchs
spielt häufig die Angst der Eltern eine große Rolle, wenn eine Klassenfahrt ins Wildniscamp
vorgeschlagen wird. Doch auch bei einigen Lehrern gibt es eine größere Zurückhaltung gegenüber
einem als eher risikobehaftet eingeschätzten Aufenthalt in der gezähmten Wildnis des
Camps.
Das Wildniscamp ist etwa vom 01.05. – 31.10.
geöffnet, jedoch sind bei gutem Wetter auch Anfang
November noch Gruppen vor Ort. Im Zentralgebäude
geht das Programm auch über den
Winter weiter.
Das zweite Haus trägt den Namen Erdhöhle. Der
Name beschreibt treffend die Wirkung dieses
Quartiers, die jedoch durch eine interessante
Dachstruktur aufgelockert wird. Hier wird mit
einer transportablen Feuerstelle gearbeitet, da viele
Lehrer nicht wollen, dass ihre SchülerInnen bei
brennendem Feuer einschlafen, so dass dieses zuvor
herausgetragen werden kann.
Die Richtzahl der unterzubringenden Jugendlichen
pro „Haus” beträgt sechs; diese wird jedoch häufig
unter- bzw. überschritten. Insgesamt ist das Camp
also für Gruppen von 36 Personen ausgelegt, so
dass die üblichen Klassen- und Gruppenstärken
abgedeckt werden können.
Am beliebtesten ist das 10 m hohe
Baumhaus, das ebenfalls nur aus Naturmaterialien
erstellt wurde. Auf Grund
der kaum vorhandenen Informationen
zur Statik von Baumhäusern musste ein
Schweizer Architekt gewonnen werden,
der auch auf der EXPO 2000 tätig war.
Insbesondere das Baumhaus ist eine der
Attraktionen für Touristen, die gerne
einmal vorbei gucken wollen. Hier
schiebt das Wildniscamp jedoch bisher
einen Riegel vor und erteilt auch
Überlegungen für die Einrichtung eines
Cafés im Hauptgebäude eine Absage. Allenfalls der Sonntag Nachmittag nach Abreise der
Wochenendbelegung könnte eine Zeitfenster sein, das Wildniscamp auch für Kurzzeitbesucher
zu öffnen. Da bereits jetzt nicht alle Anfragen zur Nutzung des Camps berücksichtigt
werden können, ist das Interesse an zusätzlicher Werbung jedoch relativ begrenzt.
Die Gesamtfinanzierung des Projektes wurde durch
Privatisierungserlöse der Bayerischen Versicherung in
Höhe von 1 Mio. Euro sowie einen Zuschuss der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU) ebenfalls in Höhe
von ca. 1 Mio. Euro ermöglicht.
Das Waldzelt ist ein helles, hohes und offenes Zelt, das
insbesondere bei Erwachsenen beliebter ist, da es über
“richtige” Betten und Matratzen in üblicher Größe verfügt.
Kinder finden dieses Zelt eher zu hoch und zu
offen.
Der Gesamtpreis für die Nutzung des Hauses beträgt 22
Euro pro Person und Tag, davon 17 Euro für das Essen,
das überwiegend aus regionalen und saisonalen Produkten
hergestellt wird und 5 Euro für die Übernachtung.
Über mindestens
zwei Termine
pro Jahr
kann der Kreisjugendring
Regen
frei verfügen; hier ist dann auch Selbstverpflegung möglich.
Das Wasserhaus steht auf Stützen über einem kleinen
Bachlauf und ermöglicht einen besonders schönen Blick
in die Wildnis des verwildernden Waldes. Es ist zusätzlich
von einer Veranda umgeben, von der man das unter
dem Haus plätschernde Wasser besonders gut hört.
Der Lichtstern ist einem Seestern ähnlich angeordnet
und wird derzeit im Rahmen einer Nach-Bewilligung der
DBU erstellt; hier wird dem Thema Licht und Energie
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. In den Farben des
Regenbogens sollen bunte Scheiben in die einzelnen
Äste des Sterns eingefügt werden, die mit den Himmelsrichtungen entsprechend mit Tiersymbolen geschmückt werden, die in der Glasfachschule
Zwiesel erstellt worden sind und auch bereits im Hauptgebäude des Wildniscamps zur Verwendung
gekommen sind, u.a. bei den Lampen und Fenstern.
Im Wildniscamp stellt sich dann nach dem Mittagessen
im Zentralhaus der Verein Waldzeit e.V. vor, der
seit ungefähr fünf Jahren mehrtägige Reisen in den
Nationalpark als Ergänzung zum Angebot des Nationalparks
anbietet und damit „normale Urlauber”,
Einzelreisende und Familien anspricht. Die Jahresbroschüre
2004 wird zurzeit erstellt. Für Familien
und Kinder ab 3 Jahren gibt es das beliebte Angebot
„Schlamm am Zeh und Moos im Ohr”, das in Zusammenarbeit
mit örtlichen Hotels für eine Woche
durchgeführt wird. Hier steht „Naturerlebnis in Ruhe”
im Vordergrund.
Seit Sommer 2002 werden zusätzlich zu den bestehenden
Angeboten von Waldzeit e.V. Angebote im
Wildniscamp an den Wochenenden unterbreitet, und
zwar für feste bzw. auf Basis von freien Ausschreibungen
entstehende Kinder- und Jugendgruppen,
Familien- und Erwachsenengruppen. Darüber hinaus
steht das Wildniscamp Wildzeit e.V. im Sommer
über vier Wochen durchgehend zur Verfügung. Für
Jugendgruppen oder Familienfreizeiten wird auf
Wunsch ein individuelles Angebot konzipiert. Darüber hinaus gibt es eine große Nachfrage
von Firmen für Team-Trainings o.ä., die jedoch im Allgemeinen abgelehnt werden müssen.
Waldzeit e.V. bietet im Wildniscamp auch Wochenend-Workshops mit einer Dauer von 2 bis
3 Tagen zu Themen wie Holzbildhauerei oder Land-Art an.
Waldzeit e.V. berechnet 18 Euro pro Stunde für den Einsatz von ReferentInnen. Lukas Laux
betont, dass es sich beim Wildniscamp natürlich um ein Zuschussgeschäft handelt, das vom
Nationalpark unterstützt wird. Dies gelte auch für das nicht weit entfernte Jugendwaldheim, in
dem bei einem bewusst niedrigen Vollpensionspreis von 17 Euro ca. 2/3 Zuschussbedarf bestünden.
Daraus entwickelt sich eine Diskussion, wie viel Geld Umweltangebote kosten dürfen, die am
nächsten Tag in Arbeitsgruppen fortgesetzt wird. Lukas Laux teilt in diesem Zusammenhang
mit, dass die Führungen des Nationalparks ab Jahresbeginn 2004 Geld kosten werden. Weiterhin
kostenlos seien lediglich die Führungen, die wichtige eigene Interessen oder Botschaften
des Nationalparks übermitteln sollen. Beliebte Führungen wie etwa durch das Tierfreigehege
könnten jedoch diesen Einnahmeausfall auffangen. Weit verbreitet gibt es – insbesondere
bei deutschen Reisegruppen, die innerhalb Deutschlands verreisen, die Einschätzung, dass
eine Führung nicht sinnvoll oder notwendig ist. Oft wird dieses Urteil erst nach einer gelungenen
Führung revidiert. Es bleibt aber der Befund, dass der Wert von Umweltbildung oder
von Führungen durch ExpertInnen von vorneherein nicht unbedingt gesehen wird.
Der gemeinsame Ansatz des Wildniscamps und von Waldzeit e.V. ist das sinnliche Naturerlebnis.
Dieses ist bei Familien häufig aufgrund der unterschiedlichen Zugänge und Bedürfnisse
zunächst schwierig, jedoch werden die Eltern oft darüber zufrieden gestellt, dass ihre Kinder
glücklich sind.
Auch der Ansatz „Landschaft gestalten” und „Kunst entwerfen” wird nach Möglichkeit in die
Angebote eingebaut. Für Kinder(gruppen) gibt es gute Erfahrungen mit dem Konzept „Wo
die wilden Kerle wohnen”, das den Aufenthalt
in einer der Behausungen des
Camps mit Geschichten und Aufgaben
verbindet.
Hier wie auch generell wird im Wildniscamp
mit einem situativen Ansatz gearbeitet,
der intensiv mit den LehrerInnen
bzw. GruppenleiterInnen vorbereitet
wird. Oft sind die LehrerInnen zunächst
skeptisch, sich auf derart offene Prozesse
einzulassen und haben Sorge, dass nicht
genug fachdidaktische Lernerfahrungen
vermittelt werden. Am Ende sind sie jedoch oft gerührt, wenn sie und die Klasse sich auf den
offenen Prozess eingelassen haben und sehr viel Kreativität und Gruppendynamik, aber auch
positiv erlebte Solidarität und Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck gekommen sind . Umgekehrt
gibt es allerdings auch Lehrer, die Probleme damit haben, sich aus dem Prozess in der
Gruppe mit den BetreuerInnen herauszuhalten bzw. eine eigene Rolle für sich zu finden, die
sich von der schulischen Fachlehrerrolle absetzt. Daher wird auf eine sehr klare Absprache
der Rollen zwischen LehrerInnen, Betreuerinnen und SchülerInnen geachtet. Während der
Aufenthalte ist häufig die Entwicklung zu beobachten, dass ruhige Kinder eher lauter und
laute Kinder eher ruhiger werden.
Derzeit läuft eine Doktorarbeit zur Evaluation des Wildniscamps am Lehrstuhl von Prof.
Bogner an der Uni Ludwigsburg, bei der auch die Langzeitwirkung eines Aufenthaltes im
Wildniscamp untersucht wird. Schon aus den ersten Ergebnissen lassen sich sehr positive
Auswirkungen ablesen; auch das im Wildniscamp erworbene Wissen bleibt durchschnittlich
wesentlich länger hängen als auswendig
gelerntes Schulwissen.
Die Abschlussdiskussion findet im Schwellhäusel
statt. Zum Wildniscamp wird angemerkt,
dass es als Luxusangebot für nur wenige
TeilnehmerInnen sehr aufwändig sei.
Lukas Laux weist darauf hin, dass sich das
Angebot Wildniscamp insbesondere an die
Region selbst richtet und nur eines von vielen
Angeboten des Nationalparks sei, die
sich an ganz unterschiedliche Zielgruppen
wenden.
Außerdem gibt es neben dem Wildniscamp
noch eine wirklich einsam und
tief im Wald gelegene Tummelhütte,
die auch für Angebote mit Selbstverpflegung
genutzt werden könne und wo
keinerlei Infrastruktur in unmittelbarer
Nähe vorhanden sei. Das Konzept des
Wildniscamps setze hingegen nicht auf
körperliche Grenzerfahrungen, sondern
als Konzept, das bewusst Ruhe, Zeit
und die Begleitung von Prozessen in
den Mittelpunkt stellt und sich in dieser
Weise an die Philosophie des Nationalparks Bayerischer Wald anlehne.
Diskutiert wird auch, ob es sich um ein Ausnahmeangebot oder um eine Ausnahmesituation
handelt und ob die dort gemachten Erfahrungen daher überhaupt auf das Alltagsleben übertragbar
seien.
Auch wird angemerkt, dass sich sehr hohe Erwartungen und Anforderungen an die FÖJler
und PraktikantInnen richteten, die als BetreuerInnen im Wildniscamp tätig sind und dass hohe
Anforderungen an ihre Schulung, die rhetorischen und gruppendynamischen Fähigkeiten sowie
an die Beherrschung erlebnispädagogischer und umweltbildnerischer Ansätze und Methoden
gestellt werden.
In einer der Gruppen mit „Handy- und PC-Süchtigen” aus Österreich, Deutschland und der
Tschechischen Republik, die das Wildniscamp nutzte, ist mit begrenzter Technik, jedoch mit
professioneller Begleitung ein Videofilm entstanden, der auf einem Kurzfilm-Festival in Prag
ausgezeichnet wurde. Die Erstellung dieses Films wurde vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds
unterstützt.
Lukas Laux betont, dass es Extremsituationen in der Natur in Deutschland an zahlreichen
Stellen gibt und dass es möglich ist, diese zu öffnen, ohne schwerwiegende Folgen für den
Naturschutz gewärtigen. Prof. Trommer lehne aber etwa das Wildniscamp ab, da es sich nicht
um ein Camp handele, um wirkliche Wildnis zu erfahren und dies ein bereits zu stark kanalisierender
Ansatz sei. Lukas Laux weist jedoch auf auf „wildere” Angebote für die Zielgruppe
der 14- bis 20-jährigen Jugendlichen hin, etwa einen deutsch-tschechischen Trail abseits der
Wanderwege, bei dem die TeilnehmerInnen ihre gesamte Verpflegung und Ausrüstung mitschleppen
bzw. sich aus der Natur versorgen.
Hinter den Bedenken für eine Öffnung größerer Teile von Nationalparken bzw. eine stärkere
Vermarktung der Nutzungsmöglichkeiten in Bezug auf „Wildniserfahrungen” steckt oft die
„Dammbruchtheorie”, also die Befürchtung, dass der Nationalpark belastet werde, wenn immer
mehr „wilde” Angebote im Nationalpark zugelassen werden.
|
|