| |
Ur-Laub im Ur-Wald ?
Saarländische Neuigkeiten aus der Welt der Wildnis
von Dr. Markus Rösler
präsentiert von Karl Hermann, Naturschutzjugend, LV Saarland |
 |
Wären nicht hin und wieder Kondensstreifen oder leiser Flugzeuglärm am Himmel zu vermelden,
man könnte voll und ganz abtauchen in urweltliche Stimmungen des „Urwaldes vor
den Toren der Stadt“ – gemeint ist ein 1.011 ha großes Waldgebiet am Rande der Landeshauptstadt
Saarbrücken. Dr. Markus Rösler, Geschäftsführer des NABU Saarland, Vertreter
des NABU bei Europarc und Mitglied der IUCN-WCPA, stellt ein ungewöhnliches Projekt
vor.
Mit der Stadtbahn in den Urwald ? Oder gar am Feierabend geschwind mit dem Kinderwagen dorthin
gelaufen ? Nur wenige Orte in Mitteleuropa bieten diese Chancen – Saarbrücken gehört dazu.
Seit 1997 schweigen die Sägen nach menschlichem Ermessen endgültig auf 325 ha im Steinbachtal,
seit 2002 auf weiteren 686 ha im angrenzenden Netzbachtal. Und die bewegte Morphologie mit
Höhenunterschieden von über 150 Metern sorgt dafür, dass inmitten eines Ballungsraumes mit rund
400.000 Einwohnern und (allzu-) vielen Autobahnen sogar stille Orte existieren.
1996 startete der NABU bundesweit die Kampagne „Lebendiger Wald“, die auch der Einrichtung
großflächiger Waldschutzgebiete diente. Im Saarland trägt diese Kampagne bis heute Früchte. Das
Ministerium für Umwelt des Saarlandes (MfU), der NABU Saarland und der Saarforst Landesbetrieb
haben im Mai 2002 eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sie eine Kooperation bei
der weiteren Entwicklung des Gebietes im Saarkohlenwald vereinbarten. Eine „Urwald-
Lenkungsgruppe“, bestehend aus je zwei Vertretern des MfU, des NABU und von SaarForst trifft
sich einmal monatlich zur Steuerung des Gesamtprojektes. Seit Januar 2003 existiert ein eigenes
„Urwaldrevier“: Damit hat Saarforst die entscheidenden strukturellen Voraussetzungen für eine
einheitliche Verwaltung des Urwaldes vor den Toren der Stadt geschaffen, denn die gut 1.000 ha
Urwald gehörten vorher unterschiedlichen Revieren an.
Die formale Unterschutzstellung des Netzbachtales im Mai 2002 führte zu ersten kreativen
Höchstleistungen: Die Agentur Maksimovic & Partner aus Saarbrücken erklärte sich dankenswerterweise
bereit, unter Verzicht auf jegliche Honorare originelle Motive für Plakate und Postkarten
zu erstellen, die zur Werbung für die Eröffnungsveranstaltung im gesamten Saarland verteilt wurden
und insbesondere bei den Medien reißenden Absatz fanden. Der (oder das ?) Ur-Laub im
Ur–Wald soll in vielfältiger Weise Ziel und Teil der Alltagswelt einer Gesellschaftsschicht werden,
die großstädtisch geprägt ist und Wildnis oder Urwald mit meist phantasievollen Assoziationen in
anderen Kontinenten, nicht aber mit Saarbrücken in Verbindung bringt.
Urwald und Stadtlandschaft
Eingebettet in ein 2.500 ha großes kompaktes Waldgebiet, das als FFH-, SPA- und IBA-Gebiet
gemeldet ist und wie alle Wälder des SaarForstbetriebes nach FSC-Kriterien bewirtschaftet wird,
liegt der ehemalige und künftige Urwald. Ehemalig und einmalig, da mächtige Kohleflöze teils
oberirdisch zutage treten, die die Existenz großflächiger Urwälder vor einer Zeit vor rund 230 Mio.
Jahren (Oberes Karbon) belegen. Vor gut 250 Jahren errichtete die französische Bergwerksdynastie
Gouvy im Saarkohlenwald Bergwerke, es entstanden Abraumhalden und künstliche Teiche. Erst im
Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der Saarkohlenwald wieder ganz zum Wald. Durch Autobahnen
und Siedlungsachsen zerschnitten, ist der insgesamt rund 4.400 ha große Saarkohlenwald eingebettet
in eine rund 25.000 ha große Waldachse, die sich vom Südwesten des Saarlandes im
Warndt an der französischen Grenze bis nach Homburg im Osten des Saarlandes an der rheinlandpfälzischen
Grenze erstreckt.
Wald & Stadt – sonst fast nichts existiert in diesem Ballungsraum: Mit über 40 % Waldanteil gehört
der Stadtverband (Kreis) Saarbrücken zu den waldreichsten Ballungsräumen Mitteleuropas.
Wer zwischen Siedlungen, Straßen und Wäldern nach landwirtschaftlich genutzten Flächen sucht,
muß sie fast mit der Lupe suchen. Eine StadtWaldLandschaft also umgibt den Urwald.
Auch die Lage zeichnet das saarländische Projekt vor anderen Wildnisgebieten Mitteleuropas aus:
Nicht 190 km wie von München zum Nationalpark Bayerischer Wald, nicht 100 km wie von Hannover
zum Nationalpark Harz, sondern mit Kinderwagen oder Fahrrad oder mit der Stadtbahn zur
„Urwaldhaltestelle“ von der Heydt – und schon ist der Großstadtbewohner raus aus dem Alltag und
drin in der Gegenwelt, raus aus der Hektik und abgetaucht in Schwarzspechtrufe und vielfältige
Waldbilder. Neben der relativen Nähe Dresdens zum Nationalpark Sächsische Schweiz mit seinen
Felsformationen, Wäldern und dem Elbe-Durchbruch gibt es in Mitteleuropa mit dem Sihlwald bei
Zürich und dem Nationalpark Donau-Auen vor den Toren Wiens wohl nur zwei vergleichbare
Wildnisprojekte in unmittelbarer Nähe großstädtischer Ballungsräume.
Urwald für alle
Dass der „Urwald“ noch kein wirklicher Urwald ist, wissen die Beteiligten. Im Ringen um eine
geeignete Bezeichnung haben sie sich dennoch für diesen Begriff entschieden, der in die Zukunft
weist – der symbolisieren soll, was sich hier in den nächsten Jahrhunderten entwickeln soll: Natur,
möglichst ungestörte Waldbilder, ungestörte Prozesse, Dynamik.
Die vielleicht wichtigste Aufgabe des Projektes soll es jedoch sein, die Wildnis aus ihrer ökologischen
und naturschutzfachlichen Dimension heraus zu heben und durch Verzahnungen der unterschiedlichsten
neuen Aktivitäten sowie innovative Kommunikationsmuster den Urwald vor den
Toren der Stadt zu einem kulturellen Ereignis von gesellschaftlicher Relevanz werden zu lassen.
Dazu wird es unerlässlich sein, die ökologischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Funktionen
des Projektes miteinander zu verbinden. Wildnis soll nicht nur Gegenstand, sondern der „andere
Ort“ und die „andere Methode“ interdisziplinärer Kommunikation werden. Die besondere Lage
des Projektes beinhaltet synergetische Möglichkeiten, die weit über die Summe der einzelnen
Funktionen hinausgehen.
Inhaltlich in Anlehnung an die Kategorie II der IUCN, zeichnen sich die 1997 und 2002 erlassenen
Naturschutzgebietsverordnungen für das Gebiet durch eine Besonderheit aus: Es gibt zu keiner Zeit
und an keinem Ort ein Betretungsverbot. Für viele der noch vorhandenen Wege soll die Abstimmung
mit den Füßen gelten: Wo niemand läuft, wächst alles zu. Wo viele laufen, entsteht ein neuer
Pfad. Möglich ist dies allerdings mit gutem Gewissen nur, weil weder Kraniche noch Schwarzstörche
noch Schreiadler im Gebiet brüten – auch Luchs und Wildkatze fehlen. Und noch sind die Vorkommen
von Grau-, Mittel- und Schwarzspecht, Eisvogel, Gestreifte Quelljungfer und Zweigestreifte
Quelljungfer und 28 Ameisenarten nicht durch wilde Waldwanderer gefährdet. Im Gegenteil:
Wie selbst im Berliner Grunewald sind abseits einiger Hauptwanderwege wenige Zweibeiner
zu sehen. Und quer durch den Wald streifen (leider ?) höchstens die Jugendlichen, die von der
Scheune Neuhaus, dem Zentrum für Waldkultur aus oder zusammen mit der Naturschutzjugend
NAJU im Rahmen von Wildniscamps incl. Übernachtungen ihre Erfahrungen mit dem „wilden
Wald“ machen. So scheinen sich die hier die gedanklichen Ansätze „Schutz der Natur um ihrer
selbst willen“ und „Wildnis verstehen durch Wildnis erleben“ trefflich in der Praxis zu ergänzen.
DBU als finanzieller Impulsgeber
Die drei Partner MfU, Saarforst und NABU haben mit finanzieller Unterstützung der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU) im Jahr 2002 eine Machbarkeitsstudie erarbeitet, die von der DBU
als Grundlage für einen Hauptantrag für ein großes Projekt mit Millionenumfang gewünscht wurde.
Diese Machbarkeitsstudie zeigt auf, wie in Zukunft innovative Kommunikationsmuster entwickelt
werden können, die den ambitionierten Anspruch einer breiten gesellschaftlichen Verankerung und
Relevanz des Urwald-Projektes und generationenübergreifendes Denken in der städtischen Bevölkerung
realisiert (s. www.Saar-Urwald.de). Generationenübergreifendes Denken – für Förster und
auch manche Naturschützer nicht völlig fremd. Doch bei 600 oder mehr Jahre eines Waldzyklus`
versagt der menschliche Sprachschatz: Wievielmal „Ur“ muß vor dem Großvater stehen, bis die
600 Jahre erreicht sind? 600 Jahre zurückblätternd im Buch der Geschichte war noch nicht einmal
die Buchdruckerkunst erfunden. Zurück zum geplanten Projekt:
Wildnis soll zum Gemeinschaftsprojekt aller Interessierten werden. Die Plattform dazu soll die
Wildnisakademie bieten. Das Konzept der Wildnisakademie trägt den Leitzielen des Projektes
Rechnung:
1. Wildnis als Beitrag zur Biodiversität
2. Wildnis als Beitrag zur umweltethischen Diskussion
3. Wildnis als der andere Ort in der StadtLandschaft
4. Wildnis als kulturelles Experiment
5. Wildnis als (Kommunikations)Prozeß.
Die Wildnisakademie soll als ständigen Rahmen drei Werkstätten „Gemeinsam Gestalten“, „Gemeinsam
Erleben“ und „Gemeinsam Forschen“ beinhalten, die in kontinuierlichem Austausch stehen
– und dadurch Ingenieure, Pädagogen, Forscher und alle anderen Disziplinen gemeinsam einbinden.
Als zentraler Ausgangspunkt für alle Maßnahmen und Aktivitäten, die mit Kunst & Kultur, Pädagogik
& Bildung, Erleben & Erfahren zu tun haben, soll die Scheune Neuhaus dienen – das ehemalige
Jagdschloß Philippsborn und Forsthaus Neuhaus. Mit der Expo 2000 und dem dezentralen
Expo-Forstprojekt „low tech – high nature“ rückte das ehemalige Jagdschlosses in den Mittelpunkt
des Interesses. Hier entstand ein neues Informationszentrum – das Waldkulturzentrum Scheune
Neuhaus.
Als zentrale infrastrukturelle Maßnahme schwebt den Partnern eine interdisziplinäre Plattform
„Zwischen Himmel und Höhle“ vor – wenn’s gelingt, ein in Europa bisher wohl einmaliges Bauwerk
und Projekt. Eine über den Baumgipfeln gelegene, öffentlich begehbare Himmelsstation soll
multifunktional als zentrale Beobachtungs- und Forschungsstation sowie als besonderer Erlebnisort
dienen. Eine Himmelsleiter soll Besuchern und Forschern auf mind. 30 m Höhenunterschied Einblicke
in die Baumwelt mit Epyphyten und Höhlenbewohnern bis hin zu Einblicken in das Kronendach
des Waldes geben. Und eine begehbare Wurzelstation im Bodenbereich soll in Form einer
Höhle gegraben werden, die nicht nur den Wurzelraum und Bodenökosysteme thematisiert, sondern
auch ganz konkrete Sichten auf die unterirdischen, über 200 Mio. Jahre alten Urwald in Form
von Kohleflözen ermöglicht.
Praktische Vorarbeiten laufen
Das unter Federführung von Saarforst und Ministerium für Umwelt erstellte Jahresprogramm 2003
für die Scheune Neuhaus beinhaltet unter Beteiligung des NABU und anderer Organisationen wie
dem Forstverein und „Geographie ohne Grenzen“ bereits über 100 Veranstaltungen – von der
nächtlichen Dichterlesung bis zu Kinderurwald-Freizeiten.
Noch im Jahr 2003 soll ein seit Ende der 90er Jahre von NABU Saarbrücken, Saarforst und Stadt
Saarbrücken vorbereitetes Renaturierungsprojekt verrohrter Gewässer im Bereich des Steinbachtales
im Gesamtumfang von 75.000 beginnen.
Im Verlauf des Frühjahres 2003 werden alle für die Einzeljagd erforderlichen jagdlichen Einrichtungen
abgebaut. Im Steinbachtal läuft ein über die Universität Göttingen betreutes Forschungsprojekt
mit wenigen, intensiven Bewegungsjagden pro Jahr. Für das Netzbachtal ist noch kein endgültiger
Konsens bezüglich des jagdlichen Konzeptes erzielt – hier stehen die Varianten einer
Ausweitung der Bewegungsjagd oder eine Jagdruhe zur Diskussion. Ein relativ hoher Schwarzwildbestand
sorgt für Sorgen, ob nicht wildschweingeschädigte großstädtische Vorgartenbesitzer
einen – ggf. ganz falschen – Zusammenhang zwischen Jagdruhe und der Sau in ihrem Vorgarten
herstellen könnten.
Derzeit wird ergänzend und unabhängig vom geplanten DBU-Projekt die Entwicklung der denkmalgeschützten
barocken Gesamtanlage des ehemaligen Jagdschlosses Philippsborn (Scheune
Neuhaus) incl. der Neugestaltung und Neuverpachtung der darin befindlichen Gaststätte vorangetrieben.
Damit kann auch die saarländische Lebensphilosophie „Hauptsach gud gäss“ in das Urwald-
Projekt integriert werden.
|
|